Coaching: Zwischen Scharlatanerie und echter Wirkung

Eine Einordnung zur Pro7-Doku von Thilo Mischke

Vor Kurzem hat Pro7 eine Dokumentation ausgestrahlt, die meine Branche ziemlich genau unter die Lupe nimmt: „Das Geschäft mit dem Coaching – zwischen Motivation und Manipulation" von Thilo Mischke.

Meine ehrliche Reaktion darauf? Ich habe genickt. Und gleichzeitig gefühlt, dass das Bild, das dort gezeichnet wird, unvollständig ist.

Ich bin Micha, systemischer Coach bei Mindshift Coach. Und ich möchte dir hier aufzeigen, was an der Kritik der Doku berechtigt ist – und was Coaching eigentlich sein kann, wenn es richtig gemacht wird.

Meine ausführliche Reaktion auf die Doku gibt es auch als YouTube-Video:

Warum die Kritik berechtigt ist

„Coach" ist kein geschützter Begriff

Das ist die unbequeme Wahrheit, mit der jede ernsthafte Diskussion über Coaching beginnen muss: Jeder kann sich Coach nennen. Es gibt keine staatlich anerkannte Ausbildung, keine Prüfung, keinen verbindlichen Lehrplan. Dachverbände versuchen, durch Zertifizierungen und Verhaltenskodizes etwas Ordnung reinzubringen – aber auch der Markt für Coach-Ausbildungen selbst ist komplett unreguliert. Von Wochenendkursen bis zu monatelangen Programmen, von ein paar Hundert bis mehreren Tausend Euro: Das Angebot ist riesig, die Qualität kaum vergleichbar. Ich selbst habe 750 Unterrichtseinheiten absolviert, mit Fokus auf Psychologie und systemischem Denken. Das ist mir persönlich wichtig – vorgeschrieben war es nicht.

Coaching, Beratung und Therapie: Drei verschiedene Dinge

Was in der Doku gezeigt wird, ist streng genommen meist gar kein Coaching. Es ist Beratung – oder noch direkter gesagt: Programmverkauf mit Versprechen, die kein seriöser Coach machen würde. Die Unterscheidung ist wichtig: Berater geben dir fertige Antworten. Sie sind Fachexperten, die ein Framework liefern, das du anwenden kannst. Coaches helfen dir, deine eigene Antwort zu finden. Kein Pauschalrezept, keine vorgegebene Lösung – sondern ein Prozess, der bei dir und deiner Situation ansetzt. Therapeuten arbeiten mit anerkannten Methoden bei psychischen Erkrankungen. Das ist eine klare Grenze, die ein Coach nicht überschreiten darf – und auch nicht sollte. Wer dir also sagt, was du zu tun hast, um erfolgreich zu werden, ist kein Coach. Das ist ein Berater. Und die Frage, ob dieser Berater tatsächlich mehr Expertise hat als du, bleibt oft offen.

Erfolgsversprechen sind Bullshit

„In 6 Wochen wirst du ein anderer Mensch." – Das ist Marketing. Keine Coaching-Methode der Welt kann garantieren, dass ein bestimmtes Ziel erreicht wird. Ob Coaching wirkt, hängt von der Person, den Umständen und dem System ab, in dem sie sich bewegt. Wer Erfolg verspricht, verkauft keine Dienstleistung. Er verkauft Hoffnung. Und das ist ein Geschäft mit Verzweiflung.

Wie Coaching eigentlich funktioniert

Okay – genug Kritik. Was macht Coaching aus, wenn es gut ist?

Was kann ich überhaupt ändern?

Bevor irgendjemand irgendetwas erarbeitet, stellt sich eine grundlegende Frage: Woran lohnt es sich überhaupt zu arbeiten? Dafür hilft eine einfache Einteilung:

Betrifft mich das Thema? Habe ich Einfluss darauf? Wenn du keinen Einfluss auf etwas hast, das dich auch nicht betrifft – vergiss es. Das ist Energieverschwendung.

Wenn dich etwas betrifft, du aber keinen Einfluss hast, kann Coaching helfen, die eigene Wahrnehmung zu verändern.

Und wenn du tatsächlich Einfluss hast? Dann werden Ziele und Maßnahmen erarbeitet – aus deiner Situation heraus, nicht aus einem vorgefertigten Template.

Perspektivwechsel statt Gaslighting

Ein zentrales Werkzeug im Coaching sind Perspektivwechsel – auch „Reframing" genannt. Wenn jemand in einer Situation feststeckt, ist meine Aufgabe als Coach, neue Blickwinkel zu eröffnen. Das passiert nicht durch Überreden oder Schönreden. Es passiert durch Fragen: „Wie könntest du das noch sehen? Und wie noch?" Oder: „Was denkst du, wie dein Gegenüber die Situation bewertet?" Ziel ist nicht, die ursprüngliche Wahrnehmung zu entwerten. Ziel ist, zu fragen: Gibt es einen hilfreichen Frame, den wir noch nicht betrachtet haben?

Lethologie – die Kunst des Nichtwissens

Mein liebstes Konzept aus der Coaching-Praxis hat einen fast poetischen Namen: Lethologie. Abgeleitet vom griechischen Fluss Lethe – dem Fluss des Vergessens in der Mythologie. Lethologie bedeutet: Ich lege alles, was ich zu einem Thema zu wissen glaube, bewusst beiseite. Denn wenn ich als Coach sofort mit eigenen Annahmen und Lösungen dazwischenrede, höre ich nicht mehr, wo du wirklich stehst. Erst verstehen. Dann gemeinsam herausarbeiten.

Zuhören ist das wichtigste Werkzeug

Das klingt banal. Es ist alles andere als das. Aktives Zuhören – wirklich zuhören, ohne gleichzeitig die eigene Antwort zu formulieren – ist die Grundlage guter Coaching-Arbeit. Es geht darum, zu hören, was gesagt wird, und zu beobachten, was Mimik und Gestik dazu sagen. Manchmal sind das zwei sehr verschiedene Dinge. Sich einmal wirklich aussprechen zu können, ohne unterbrochen zu werden, kann für sich genommen schon etwas lösen.

Wer trägt welche Verantwortung?

Das ist eine Frage, die in fragwürdigen Coaching-Angeboten gerne verwischt wird. Die Antwort ist eigentlich klar: Der Coach ist verantwortlich für den Prozess – zuhören, Methoden richtig anwenden, beim Klienten bleiben, kein Ego-Trip. Der Klient ist verantwortlich für das Ergebnis – für die eigene Ehrlichkeit, für die erarbeiteten Maßnahmen und dafür, sie auch umzusetzen. Kein Coach der Welt kann dir garantieren, dass du dein Ziel erreichst. Was er tun kann: die bestmögliche Begleitung anbieten.

Was bleibt

Guru-Kult, Alpha-Male-Programme und Versprechen auf Erfolg in 6 Wochen – das ist kein Coaching. Das ist gut vermarkteter Unfug, der von der Suche nach einfachen Antworten in einer komplexen Welt lebt. Echtes Coaching stellt dich in den Mittelpunkt. Es gibt nichts vor. Es macht dich nicht abhängig – sondern gibt dir Werkzeuge, um unabhängiger zu werden. Ich möchte dazu beitragen, dass Coaching sich zu einem ernsthaften, seriösen Bestandteil des Alltags entwickelt. Nicht als Sidehustle mit passivsem Einkommen, sondern als echte Prozessbegleitung mit echtem Mehrwert.

Du möchtest tiefer eintauchen? Meine vollständige Reaktion auf die Doku – mit mehr Kontext und persönlichen Einschätzungen – findest du hier:

👉 YouTube: Meine Reaktion auf die Pro7 Doku

Fragen, Widerspruch oder eigene Erfahrungen mit Coaching? Ich freue mich über deine Nachricht oder einen Kommentar unter dem Video.

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