Persönlichkeitstests - hilfreich oder überflüssig?

Ich höre gerade “surrounded by idiots” von Thomas Erikson und habe mir ca. zur Hälfte des Buches die Frage gestellt, ob ich weiter hören sollte oder nicht.

Dabei geht’s mir nicht um den Schreibstil… oder genauer gesagt um die Art wie vorgelesen wird. Ganz in Gegenteil - es ist sehr spannend und mit greifbaren Beispielen versehen. Die Stimme von Thomas Erikson (ja er hat sein Buch selbst eingesprochen) ist auch ganz angenehm. Also warum überlege ich abzubrechen?

Worum geht es in “surrounded by idiots”?

Ganz einfach gesprochen geht es um Kommunikation und Beziehungen. Also darum, wie man Kommunikation besser gestalten kann, damit zwischenmenschliche Beziehungen „besser“ funktionieren. Und mit Beziehung meine ich nicht die romantische Art, sondern alle möglichen Beziehungen: Geschäftspartner, Teams, Freunde … also alles, wo Menschen miteinander zu tun haben.

Und wenn ich „besser“ schreibe, dann meine ich damit, dass Menschen in einen Dialog treten und ein gemeinsames Ziel verfolgen können: Probleme lösen, miteinander arbeiten oder einfach erst einmal nicht aneinander vorbeireden.

Damit das gelingt, stellt Erikson ein Framework vor, das dabei helfen soll, sich selbst und den Gegenüber besser zu verstehen. Dafür nutzt er die Farben Rot, Gelb, Grün und Blau. Hinter jeder Farbe verbergen sich gewisse charakterliche Eigenschaften.

In seinem Buch zieht er für die vier Typen auch die Parallele zur aristotelischen Temperamentlehre. So ist Rot der Choleriker, Gelb der Sanguiniker, Grün der Phlegmatiker und Blau der Melancholiker. Außerdem beschreibt er in seinem Buch die vier Farbtypen in Reinform, merkt aber an, dass die meisten Menschen natürlich eine Kombination aus den vier Farben sind.

Und was sagt mir die Farbe nun?

Okay, jetzt verstehe ich also, dass ich in seiner Lehre die Menschen nach Farben einteilen kann und dass mir das helfen soll, mit meinem Gegenüber entsprechend zielführender zu kommunizieren.

Ich finde die Parallele zur Temperamenten-Lehre grundsätzlich erst einmal schwierig. Aber lassen wir den Punkt mal außen vor.

Ich habe also überlegt: Welche Farbe bin ich? Als ich im Kapitel über Rot gehört habe, dachte ich: „Jaaaaaa, schon ein bisschen, aber nicht so ganz.“ Bei Gelb hatte ich dann schon mehr Übereinstimmungen. Bei Grün waren es die meisten, und bei Blau ähnlich viele wie bei Grün.

Ich habe also von allem etwas … schön!

Was könnte ein Gegenüber mit dieser Information anfangen?

Wenn ich mich gerade eher in einer gelben Phase befinde, mein Gegenüber aber das Programm für „ich rede mit rot“ abspielt, dann sind wir ja wieder weniger kompatibel, als das System eigentlich erreichen will. Ich muss also hoffen, dass mein Gegenüber am besten einer der Typen in Reinform ist. Aber woher weiß ich das eigentlich, bevor ich nicht einmal erfolgreich an der Kommunikation mit meinem Gegenüber gescheitert bin?

Ist das jetzt ein Problem von Erikson’s System?

Liegt es jetzt nun an den Farben, dass ich mich ein bisschen schwer tue? Es gibt ja genug andere Systeme da draußen mit denen ich mich kategoriesieren könnte. Die Temperamenten-Lehre ist ja schon direkt benannt. Ich könnte auch zu den moderneren Tests springen wie “16 Personalities” (INFP-A) oder “Big 5” (Neurotizismus 71; Extraversion 70; Offenheit für Erfahrungen 95; Verträglichkeit 103; Gewiossenhaftigkeit 82)- in andere Kulturkreise schauen, sagen wir ins Ayurveda und fragen aus welchen Elementen ich voranging bestehe (Kapha - Erde&Wasser) oder ich mach den Test in welches Hogwarts-Haus mich der sprechende Hut stecken würde (Ravenclaw) oder einen ganz alten StudiVZ Test “Welches Brot bist du” (Sauerteig).

In jedem Fall beantworte ich ein paar (mehr) Fragen und habe am Ende ein Momentaufnahme über meinen Charakter. In manchen Tests sind dann noch Hinweise dabei im Sinne von “Das sind deine Stärken”, “Das sind deine Schwächen”, “Das sind deine blinde Flecken”. Wenn ich diese Segmente lese, fühle ich mich oft etwas bestätigt… dann leg ich den Test aber auch schon wieder bei Seite.

Jetzt könnte man das Argument aufmachen “Je Kleinteiliger der Test, desto aussagekräftiger und hilfreicher ist er”. Dann haben Big 5 und 16 personalities auf jeden Fall die Nase vorn. Dort bekommt man eine recht gut strukturierte Auswertung bis hin zu einzelnen Teilbereichen des Charakters. Aber eigentlich fühle ich über diese Tests nicht anders als über die Farben von Errikson. Die Ergebnisse ändern sich je nach dem wie ich mich in dem Moment der Frage fühle. Wobei zumindest Big Five und 16 Personalities weniger stark in den Ergebnissen schwanken als ich das gefühlt über die Farben von Erikson sagen würde.

Was also tun mir Persönlichkeitstests?

Schlussendlich werde ich das Buch zu Ende hören. Und ich hatte vor kurzem außerdem wieder ein Gespräche wo mein Gegenüber mir von einem Kollegen berichtet hat und ich musst direkt an eine Passage aus dem “surrounded by idiots” denken. Über diese Passage sind wir dann weiter ins Thema gesprungen und konnten eine Alternative erarbeiten, wie mein Gegenüber mit diesem Kollegen zukünftig umgehen könte. Es hat also was gebracht.

Für mich sind solche Persönlichkeitstests also eher eine Art Gesprächsöffner oder ein Aufhänger dafür, ein Thema zu bearbeiten.

“Schau mal du beschreibst mir gerade dieses Verhalten - in dem System von Erikson wäre das ein gelbes Verhalten. gelbes Verhalten stößt häufig bei X an seine Grenzen. Dann könnte man Y tun. Was denkst du darüber? Könnte das für dich passen?”

Und als Gesprächsöffner finde ich eine breite Auswahl an Modell wiederum hilfreich. Meinem Gegenüber die Kernpunkte der vier Farben zu erläutern ist definitiv schneller gemacht, als die Grundlagen von Big Five durchzugehen.

Außerdem taucht dann doch immer mal wieder in den Sektionen für “blinde Flecken” und “Stärken/Schwächen” ein Satz auf, den man dort vielleicht nicht erwartet hat … oder den man ganz anders gesehen hätte. Dann könnte man das als Anlass nehmen und einmal reflektieren ob da vielleicht doch ein Körnchen Wahrheit steckt.

Am Ende würde ich folgendes sagen: Wenn man mit diesen Tests nichts macht, braucht man sie auch nicht machen. Also wenn man nur Bestätigung für den Status Quo sucht, dann ist das nett aber eigentlich verschwendete Zeit. Wenn man aber irgendwo ins tun kommen will und man weiß nicht so recht wo man anfangen soll, dann kann ein Persönlichkeitstest ein wunderbarer Start sein.

In diesem Sinne - danke fürs lesen! Bleib gesund und hab noch einen schönen Tag!

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