Wenn Erfolg sich anfühlt wie kurz vor dem Absturz
Ich denke immer wieder über die Muster nach, in denen wir stecken – und wie sehr sie unser Handeln bestimmen.
Im letzten Blog-Eintrag habe ich ja über den Unterschied von Persönlichkeit und Verhalten geschrieben: dass das eine ziemlich gesetzt ist und den Rahmen vorgibt (Persönlichkeit) – für die bewussten oder unbewussten Entscheidungen, die wir in jeder Situation treffen, um sie aufzulösen (Verhalten).
Aber genau diese Muster sitzen teilweise so tief, dass jeder Weg hinaus fast ausweglos erscheint – und sich überhaupt nicht nach einer Entscheidung anfühlt.
Ich hatte vor Kurzem ein Gespräch.
Mein Gegenüber hat beschrieben, dass es im Job gerade richtig gut läuft. Das Projekt läuft nach Plan, die Kollegen sind dankbar für den Input, der gegeben wird, sogar die Führungskräfte bedanken sich dafür, dass neuer Wind ins Thema kommt. Dann war da ein großer Tag voller Präsentationen und kleiner Workshop-Einheiten. Und – entgegen den Befürchtungen meines Gegenübers – ist der Tag ein voller Erfolg gewesen. Am Ende hat sich sogar der CEO der Muttergesellschaft bedankt. Alle Zeichen stehen also auf Erfolg.
Wir haben uns ein paar Tage nach diesem Ereignis unterhalten, und mein Gegenüber meinte zu mir: „Ich weiß gar nicht warum, aber ich möchte eigentlich weinen! Ich weiß nicht warum, und ich weiß auch nicht wie … aber alles fühlt sich so an, als stünde ich kurz vor einem Crash."
Wir haben darüber gesprochen und versucht, der Sache auf den Grund zu gehen, und nach 20 Minuten kamen die erhofften Tränen.
Was ist in meinem Gegenüber also passiert? Alte Muster!
Mein Gegenüber war schon immer eine sehr intelligente Person. Die Art von Mensch, die bereits in der Schule gute Noten hatte, die Universität mit hervorragenden Ergebnissen abgeschlossen und dann in der Berufswelt schnell Fuß gefasst hat. Irgendwo zwischen Hochbegabung und Neurodivergenz.
Gute Noten waren nie ein Problem – soziale Kontakte dagegen schon eher. Das Gefühl, dass man in der Klasse nur akzeptiert wird, wenn man die Hausaufgaben mit den anderen teilt, macht schon etwas mit einem.
Und dann sind da natürlich die Eltern. Die Schulleistungen waren in der Regel perfekt. Manchmal hat sich jedoch eine 2 oder 3 in die Noten geschlichen. Sofort wurde gefragt: „Warum ist das keine 1?" Der Erfolg davor und danach war quasi irrelevant. Wie kann sich dieses Kind erlauben, eine nicht perfekte Leistung abzugeben?
Und dann sind da auch diverse Arbeitgeber, die ihre Mitarbeiter nicht unbedingt auf Augenhöhe behandeln. Wer von seinen Mitarbeitenden als Mindestmaß „Erwartungen übertroffen" erwartet, ist von allem, was abseits davon liegt, zwangsläufig enttäuscht. Leider geht mit dieser Erwartungshaltung häufig auch ein gewisses Maß an mangelnder Empathie einher.
Jedenfalls hat sich mein Gegenüber so oft in solchen Positionen befunden, dass sich gleich zwei Glaubenssätze manifestiert haben. Einerseits: „Ich muss immer perfekt sein, sonst bin ich nichts wert." Andererseits: „Perfekte Leistungen schützen mich nicht davor, morgen trotzdem eine Enttäuschung zu sein." Es ist also egal, wie gut ich heute bin – ich weiß, morgen gibt es sowieso wieder Ärger und Ablehnung.
Wir springen wieder ins Hier und Jetzt
Mein Gegenüber weiß ganz genau, dass das aktuelle Projektteam anders tickt. Nichts deutet darauf hin, dass man hier genauso mit den eigenen Mitarbeitenden umgeht. Mein Gegenüber weiß das – aber fühlt es nicht. Der Körper steckt voll in alten Mustern; er hat gemerkt: „Wir bekommen gerade viel Lob und Zuspruch … ich stelle mich also schon einmal darauf ein, dass morgen die Welt untergeht."
Als diese Erkenntnis durchgedrungen ist, war es möglich, die Tränen herauszulassen, und das Engegefühl in der Brust hat sich langsam gelockert. Damit ist das Muster noch nicht aufgelöst, aber erst einmal verstanden.
Für mein Gegenüber beginnt hier gerade eine Phase des Neulernens. Des Verinnerlichens, dass der Glaubenssatz, der seit der Kindheit mitgetragen wird, nicht mehr stimmt und angepasst werden muss. Das ist ein langer Weg, und ich bin mir sicher, dass wir auch noch einmal unter Tränen miteinander sprechen werden. Der Grundstein aber ist gelegt – und das Gefühl hat sich breitgemacht, wieder besser entscheiden zu können, was als Nächstes getan werden muss.
Vielleicht kennst du das aus deinem eigenen Erleben.
Nicht unbedingt die Tränen – aber das leise Misstrauen gegenüber dem eigenen Erfolg. Das Gefühl, dass gerade dann, wenn alles läuft, irgendwo schon die Rechnung wartet.
Solche Muster sind keine Charakterschwäche. Sie waren einmal eine kluge Anpassung an ein Umfeld, in dem Fehler tatsächlich Ärger bedeuteten. Das Problem ist nur: Der Körper trägt die alte Landkarte weiter, auch wenn sich das Gelände längst verändert hat.
Der erste Schritt ist nicht, das Muster wegzumachen – das gelingt ohnehin nicht per Knopfdruck. Der erste Schritt ist, es zu erkennen. Und den Unterschied zu spüren zwischen „So war es damals" und „So ist es heute". Erst dann wird aus einer automatischen Reaktion wieder eine Entscheidung.
Und Entscheidungen, das wissen wir seit dem letzten Beitrag, sind der Ort, an dem sich etwas ändern lässt.

