Ein Botaniker, ein Sack Kartoffeln und eine Kursänderung von wenigen Grad
Zwei Arten, ein unlösbares Problem zu lösen — und warum die zweite fast nie von innen kommt.
Wenn etwas festhängt, kennt der erste Impuls nur eine Richtung: raus hier. Der Streit mit dem Kollegen, der sich jede Woche neu entzündet. Die immer gleiche Frage, warum der Geschirrspüler immer noch nicht leer ist. Der Konflikt soll aufhören, am besten gestern — oder man will selbst nur noch weg. Alles andere fühlt sich an, als ginge es irgendwann an die Substanz.
Mir hilft bei diesem Thema eine Geschichte, die den Druck ins Absurde steigert: „Der Marsianer", Buch von Andy Weir, verfilmt von Ridley Scott, und zufällig einer meiner Lieblingsfilme.
Der Astronaut Mark Watney bleibt nach einem Unfall allein auf dem Mars zurück. Seine Crew hält ihn für tot. Die nächste geplante Mission landet erst in rund vier Jahren. Er hat Essen für einen Bruchteil davon. Jedes Problem ist hier potenziell tödlich, und keines lässt sich vertagen.
Was in der Geschichte dann passiert, sind zwei vollkommen verschiedene Arten, ein unlösbares Problem zu lösen. Und beide kommen im Alltag ständig vor.
Lösungsweg eins: mit dem arbeiten, was da ist
Watney ist Botaniker. Also baut er in der Station Kartoffeln an. Als Boden nimmt er den Marsstaub vor der Tür, als Saatgut ein paar übrig gebliebene Kartoffeln aus dem Bordvorrat, als Dünger seine eigenen Fäkalien. Nichts davon war dafür gedacht. Es ist schlicht das, was vorhanden ist.
Das ist die Form des Problemlösens, die wir alle zuerst versuchen: Rahmenbedingungen als gegeben nehmen und innerhalb davon das Beste herausholen. Und sehr oft reicht das auch. Watney kauft sich damit Monate.
Dann reißt die Schleuse der Station auf, die Ernte ist hin, und mit ihr der ganze Plan. Er wird verhungern, lange bevor ihn jemand erreicht.
So fühlt sich ein festgefahrener Konflikt an. Man hat getan, was in der eigenen Macht steht, und es reicht trotzdem nicht. Die Lage wirkt abschließend geklärt: Es geht nicht. Allerdings nur unter einer Voraussetzung — dass die Rahmenbedingungen tatsächlich feststehen.
Lösungsweg zwei: die Annahme kippen
Parallel fliegt die Hermes mit der restlichen Crew zurück zur Erde. Der Ablaufplan ist eindeutig: ankommen, Crew absetzen, fertig. Wer Watney holen will, muss auf die nächste Mission warten.
Bis ein Astrodynamiker bei der NASA eine Frage stellt, die vorher niemand gestellt hatte: Warum muss die Hermes an der Erde eigentlich anhalten? Sie könnte die Erdanziehung im Vorbeiflug als Schwung nutzen, unterwegs eine Versorgungssonde einsammeln und direkt zum Mars zurückfliegen.
Eine Bahnänderung. Kein Bremsmanöver. Alles andere sind Folgeeffekte. Watney wird nach gut der Hälfte der Zeit erreicht statt nach vier Jahren.
Bemerkenswert daran ist nicht die Rechnung. Bemerkenswert ist, wer sie angestellt hat: jemand, der nicht an Bord war, nicht in der Krisensitzung saß und nicht seit Wochen in derselben Frage feststeckte. Die Idee kam nicht aus dem System. Sie kam von jemandem, der eine der Annahmen nicht geteilt hat, auf denen das System beruhte.
Zurück auf die Erde
Im Alltag sieht derselbe Mechanismus unspektakulär aus.
Du streitest dich mit einem Kollegen, und zwar zuverlässig jede Woche im Regeltermin. Innerhalb des Systems bedeutet: besser vorbereiten, klarer formulieren, Gesprächsführung verbessern. Alles sinnvoll.
Das System infrage stellen bedeutet: Muss dieser Punkt überhaupt in diesem Meeting besprochen werden? Muss ich jedes Mal dabei sein? Ließe sich der Turnus ändern? Könnte ich mein Thema mit jemand anderem klären? Keine dieser Fragen löst den Konflikt. Aber jede verändert die Bedingungen, unter denen er stattfindet — und manchmal ist genau das die Lösung.
Die hundertprozentige Lösung ist nicht der Maßstab
Es wäre entlastend, wenn ein Konflikt mit einem einzigen guten Gespräch beendet wäre, nach dem man sich wieder verträgt. Diese Vorstellung ist allerdings auch der Grund, warum viele es gar nicht erst versuchen: Weil die große Lösung unerreichbar scheint, bleibt es bei nichts.
Dabei muss eine Beziehung oft erst über Wochen wieder tragfähig werden, bevor ein lösungsorientiertes Gespräch überhaupt möglich ist. Zu dieser Reparaturphase kann gehören, den Kontakt bewusst zu reduzieren. Oder einmal gemeinsam essen zu gehen, ohne ein einziges Mal über Arbeit zu sprechen. Das sind keine Kompromisse, das sind Zwischenschritte — und Watney hat auch nicht auf die Rettung gewartet, sondern erst einmal Kartoffeln angebaut.
Warum es dafür oft jemanden von außen braucht
Der Grund ist derselbe wie in der Geschichte. Wer mitten in einer Situation steckt, sieht die Annahmen nicht mehr, auf denen sie beruht. Sie sind nicht versteckt, sie sind selbstverständlich geworden — und Selbstverständliches stellt niemand infrage, der es jeden Tag benutzt.
Was hilft, ist jemand, der in deinem Interesse denkt, aber deinen Blick nicht teilt. Jemand, der ergebnisoffen fragt: Warum machst du das genau so? Was würde passieren, wenn nicht? Wie sähe ein anderer Weg aus?
Genau dafür gibt es mich. Ich löse deine Konflikte nicht. Ich stelle die Fragen, die du dir selbst nicht mehr stellst — und sortiere mit dir, was davon tatsächlich feststeht und was nur so aussieht.
Manchmal braucht es dafür keine neue Mission. Manchmal reichen ein paar Grad Kursänderung.
→ Kurskorrektur — sechs Sitzungen über drei Monate, wenn du den Eindruck hast, dass der Kurs stimmt, aber nicht mehr deinerist.

