Verstehen, Verständnis, Einverständnis: Warum wir meistens schon an der ersten Stufe scheitern

Wir glauben zu verstehen, obwohl wir gar nicht richtig zugehört haben. Das ist meine Theorie dafür, warum sich so viele Gespräche, Konflikte und Debatten im Kreis drehen. Was wir auf diese Weise „verstanden“ haben, wirkt absurd, und für etwas Absurdes bringt niemand Verständnis auf. Ohne Verständnis gibt es dann auch keinen Weg zum Einverständnis. Der Fehler passiert also ganz am Anfang, an einer Stelle, auf die wir kaum achten.

Drei Stufen, die sich leicht verwechseln lassen

Die Unterscheidung habe ich aus einer Podcast-Folge mit Friedemann Schulz von Thun.

Verstehen heißt erst einmal nur, das Gesagte zu erfassen: akustisch, inhaltlich und sprachlich, im Zweifel auch fremdsprachlich.

Verständnis heißt, dich in dein Gegenüber zu versetzen und dich zu fragen, ob du unter denselben Voraussetzungen vielleicht genauso entschieden hättest.

Einverständnis heißt, die Situation zusätzlich mit deinem eigenen Wertekompass abzugleichen und danach immer noch zuzustimmen.

Das sind drei einleuchtende, leicht zu verstehende Konzepte. Trotzdem sehe ich in Konflikten und Debatten immer wieder, dass wir daran scheitern.

Warum das Verstehen der Knackpunkt ist

Wenn du über dein Gegenüber schon ein festgefahrenes Bild hast, oder wenn deine eigene Sichtweise es unmöglich macht, dass dich jemand mit einer neuen Situation überrascht, dann hörst du im Grunde nur noch das, was du ohnehin erwartest. Das Bild, das daraus entsteht, ergibt keinen Sinn. Also fehlt das Verständnis, und ihr dreht euch hilflos im Kreis.

Als Führungskraft zahlst du dafür doppelt: Du führst solche Gespräche selbst, und du bekommst sie in deinem Team mit.

Wie die drei Stufen sauber getrennt aussehen

Dass man alle drei Stufen durchlaufen und am Ende trotzdem nicht einverstanden sein kann, zeigt eine kleine Geschichte aus meinem eigenen Alltag.

Ich schreibe lieber Mails, als dass ich anrufe. Beim Erstkontakt sowieso, meistens aber auch danach. Eine prompte Antwort bekomme ich selten.

Ich verstehe, dass Postfächer nicht sofort angeschaut werden und dass sich dort, gerade bei Unternehmen, auch noch jede Menge Phishing-Mails und Spam tummeln.

Ich habe Verständnis dafür, dass die Antwort auf eine Mail deshalb länger dauern kann als bei einem Anruf.

Ich bin aber absolut nicht einverstanden damit, dass sich eine Mail an Institutionen oder Unternehmen anfühlt wie eine 50/50-Chance, geghostet zu werden oder eine KI-Standardantwort zu bekommen, die mit der eigentlichen Frage nichts zu tun hat. Wer diesen Kontaktkanal anbietet, sollte ihn auch bedienen, und sei es mit einer kurzen Rückmeldung nach dem Motto: „Ruf uns bitte an, hier sind zwei Terminvorschläge, an denen es vermutlich am besten klappt.“

Was hilft

Die Lösung ist vermeintlich einfach: Hör mehr zu. Versuch zu verstehen, worum es in der Situation eigentlich geht, bevor du ins Verständnis oder Unverständnis springst. Frag öfter nach und leg deine eigene, festgefahrene Sichtweise auf das Problem für einen Moment zur Seite. Vielleicht klappt es dann auch mit dem Einverständnis.

Klarheit in der Sprache ist unglaublich wertvoll, und wir achten viel zu selten darauf. Sie beginnt beim Zuhören.

Dreht sich in deinem Team dieselbe Diskussion immer wieder im Kreis, dann schau dir den Inhouse-Workshop „Reibungsverluste“ an: zwei Tage bei euch vor Ort, in denen ihr festgefahrene Konflikte strukturiert klärt. Ablauf und Konditionen findest du hier: Reibungsverluste

Weiter
Weiter

Der Vorstand hat Stellenkürzungen ausgeschlossen. Geglaubt hat es niemand.